Islam und das Goldene Zeitalter

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Achim Schnell
veröffentlicht am 20.1.2026

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Warum war das goldene Zeitalter des Islam so golden?

Während Europa ins finstere Mittelalter versunken sei, habe der Islam durch sein Goldenes Zeitalter ungeahnte Fortschritte und Errungenschaften in Kultur, Kunst und Wissenschaft hervorgebracht. So lautet ein Argument, das manchmal von Islam-Befürwortern angeführt wird – woraus dann teils gefolgert wird, der Islam müsse wahr sein, denn nur er habe solch eine Blüte ermöglicht. Wir wollen dieses Argument heute etwas genauer unter die Lupe nehmen.

In der Tat erlebten die islamischen Reiche, vor allem geführt unter den Abbasiden (750 n. Chr. – 1258 n. Chr.), eine Blütezeit, die die Zivilisation im Bereich von Kultur und Forschung deutlich voranbrachte. So entstanden Wissenszentren im damals neu gegründeten Bagdad, aber auch in Chorasan in Zentralasien oder auch auf der Iberischen Halbinsel unter muslimischer Herrschaft. Entdeckungen und Erfindungen konnten in diesem Zusammenhang im Bereich von Medizin, Mathematik, Astronomie, Philosophie und Musik erzielt werden. Doch kann dieser Wissensvorsprung allein auf das Konto des Islam verbucht werden? Sprechen diese Erfolge für die Wahrhaftigkeit der damals  führenden Religion? Oder müssen andere Faktoren beachtet werden, die diese Errungenschaften ebenfalls erklären?

Bei näherer Betrachtung trugen viele historische Begebenheiten zur Blütezeit des Islam bei. Der Fortschritt der Menschheit durch die Islamischen Reiche steht eben nicht im luftleeren Raum. Es muss zwar durchaus festgehalten werden, dass die Islamische Theologie Wissensaneignung und Bildung als Wert hoch achtete und daher die Blütezeit des Islam deutlich begünstigte. Allerdings ist dies nicht der einzige Faktor, der berücksichtigt werden muss.

Die Errungenschaften beruhen auf Annexionen

So darf nicht außer Acht gelassen werden, dass der Großteil des Islamischen Herrschaftsgebiet durch Eroberung bzw. Aneignung fremder Gebiete zustande kam, in der sogenannten Islamischen Expansion. Bereits Jahrhunderte vorher bestanden bereits Wissenszentren in Ägypten, Syrien und Persien. Die Mehrheitsbevölkerung blieb trotz Herrschaftswechsel viele Generationen oft nicht-muslimisch – damit kann auch argumentiert werden, dass die Forschung- und Kulturerrungenschaften nicht allein auf das Konto einer rein muslimischen  Gesellschaft zurückzuführen ist, auch wenn die politische Herrschaft eben klar islamisch war. Die Wissens-Infrastruktur wurde demnach eher angeeignet und einverleibt und weniger im islamischen Kerngebiet etabliert, sondern eben in den bereits vorhandenen Kulturzentren. Man könnte sagen: gut erobert und gut genutzt.

Das Wissen wurde „ererbt“ und lediglich zusammengeführt

Das Wissen, die Kunst und Kultur haben also tiefere Wurzeln als nur in der islamisch geprägten Herrscherschicht der damaligen Zeit. Viele antike griechische Schriften wie die von Aristoteles und Galen wurden in einer Übersetzungsbewegung zugänglich gemacht. So gelang viel altes Wissen in die Maschinerien der islamischen Bildungsstätten und  wurde wieder neu genutzt, wodurch es dann auch zu Synergieeffekten kam, da viele Wissensdisziplinen und Denkschulen gebündelt wurden. Also könnte man auch sagen: gut geerbt und gut zusammengeführt.

Ein Gedankenexperiment

Ein Gedankenexperiment mag verdeutlichen, dass der Islam nur als einer der entscheidenden Faktoren für diese Aufbruchszeit herhalten kann. Man stelle sich vor, ein kleineres, weniger fortschrittliches Land, wie beispielsweise Moldawien, erobere innerhalb weniger Jahre ohne viel Widerstand Länder in Westeuropa wie Deutschland und Frankreich. Im Anschluss deklariert dieses kleine Land den technologischen und wirtschaftlichen Fortschritt der westeuropäischen Länder für sich. Doch auch wenn dann dort die moldawische Flagge wehen würde, wäre jedem klar, dass die Errungenschaften auf Faktoren vor dieser Eroberung zurückzuführen sind.

Auch viele Nicht-Muslime trugen zum Fortschritt bei

Es waren eben nicht nur Muslime, die die sogenannte Blütezeit des Islam vorantrieben. Viele Christen wurden die neuen islamischen Strukturen eingebunden und trugen zum Wissensfortschritt bei, insbesondere Nestorianer oder Assyrische Christen, zum Beispiel im Bereich der Medizin. Diese Christen dienten an den Wissenshochburgen der Kalifen und halfen, indem ihr jahrhundertelang entwickeltes Wissen an die Muslime weitergegeben wurde. Aber auch nicht-muslimische Perser, die ja nicht aus dem islamischen Kerngebiet stammten, steuerten ihr Wissen und ihre Bildung bei. Ebenso nutzten die neuen islamischen Herrscher in der Reichsadministration bereits gegebene Verwaltungsstrukturen und –beamte, um den Staat weiter effektiv zu betreiben. Ohne den Einfluss und die Hilfe dieser Bevölkerungsgruppen wäre es zum Aufschwung der Islamischen Reiche wohl kaum gekommen.

Die Islamische Blütezeit war zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Auch andere geo-politische und historische Ursachen können als Erklärung herangezogen werden. Die islamischen Reiche befanden sich im Nahen Osten an Verkehrsknotenpunkten und in einer günstigen Lage zwischen Europa, Afrika und Asien. Kein Wunder, dass hier viele wirtschaftliche und wissenschaftliche Errungenschaften zusammenflossen und gebündelt werden konnten. Das Goldene Zeitalter des Islam blühte in einer Zeit des Aufbruchs und der kulturellen Offenheit gegenüber Einflüssen aus aller Welt, aus Vergangenheit und Gegenwart, aus Nah und Fern, egal ob muslimisch oder nicht. Diese Hintergründe konnten dann synergetisch gebündelt werden.

Der Umkehrschluss: Was ist mit anderen Hochkulturen?

Die islamischen Reiche waren nicht die einzigen Hochkulturen, die eine kulturelle Blüte hervorbrachten. Spricht das Goldene Zeitalter des Islam für die Wahrheit des Islam – sprechen dann die Pyramiden und die Ägyptische Weisheit für die Wahrhaftigkeit der Ägyptischen Religion? Ist dann auch der Shintoismus wahr, weil Japan ungeahnte Technologien entwickelt hat?

Fazit

Zusammenfassend ließe sich sagen, dass die islamischen Reiche tatsächlich viel Fortschritt vorzuweisen hatten – doch der Islam ist nur einer der Faktoren. Besser erklären lässt sich der Aufschwung durch Synergieeffekte, geerbt aus den übernommenen Herrschaftsgebieten in einer geo-politisch günstigen Lage und unterstützt durch nicht-muslimische Bevölkerungsanteile. Als Beweis dafür, dass der Islam die wahre Religion ist, kann die Blütezeit des Islams allerdings nicht gelten.

Quellen

Generelles:

Lombard, Maurice.: Blütezeit des Islam : eine Wirtschafts- und kulturgeschichte 8.-11. Jahrhundert. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1992

Friedrich Klütsch: Von der Blütezeit des Islam. Autor und Regisseur Friedrich Klütsch über andalusische Funde, ZDF online, 17. Mai 2009, abgerufen am 5. November 2013

Einfluss des Islam:

Salam, Abdus (1994). Renaissance of Sciences in Islamic Countries. World Scientific. p. 9

Nicht-muslimische Mehrheit:

Lutz Berger: Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre. München 2016, S. 112ff.; W. Montgomery Watt: Muhammad at Medina. Oxford 1962, S. 78–151; Elias Shoufani: Al-Ridda and the Muslim Conquest of Arabia. Toronto 1973. S. 10–48.

Nicht-muslimische Beiträge:

Hill, Donald (1993). Islamic Science and Engineering. Edinburgh University Press. p. 4. ISBN 0-7486-0455-3.

Nicht-Muslimische Verwaltung:

Hugh Kennedy: The Great Arab Conquests. Philadelphia 2007, S. 13 f.